Menschen/Macher

Gerhard Schröder – Machtmensch mit Charisma

Er ist das, was man gemeinhin als „ganzen Kerl“ bezeichnet: Als Politiker hat Gerhard Schröder es verstanden, sich durchzusetzen und Fakten zu schaffen. Die Amtszeit des siebten Kanzlers der Bundesrepublik war von umfassenden Reformen und einer wachsenden internationalen Verantwortung Deutschlands geprägt. Heute ist Gerhard Schröder wie bereits vor seiner politischen Karriere als Rechtsanwalt tätig und lebt in Hannover und Berlin.

Ein Mann will nach oben

Ehrgeiz und Aufstiegswillen – davon hatte schon der junge Gerhard Schröder mehr als genug. Seine Mutter war Putzhilfe, sein Vater ein Hilfsarbeiter, gefallen im Krieg. Nach der Volksschule macht Schröder eine Lehre und verdient ein wenig Geld als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Mit 20 holt er die mittlere Reife nach, mit 22 das Abitur. Sein Studium der Rechtswissenschaften schließt er im Alter von 32 mit dem zweiten Staatsexamen ab. In dieser Zeit tritt er auch den Jungsozialisten bei – 1990 wird er Ministerpräsident von Niedersachsen, damals ist er 46 Jahre alt.

Das Kabinett Schröder – Niedersachsen im Wandel

Schröders Leitmotiv als Ministerpräsident ist „Modernisierung der Wirtschaft, ökologische Vernunft, soziale Gerechtigkeit und kulturelle Vielfalt“. Als Verfechter eines neuen energiepolitischen Konsens einigt er sich mit Hamburg über die Abtretung des Cuxhavener Amerikahafens an Niedersachsen. Bei der Landtagswahl 1994 erreicht die SPD unter der Führung Schröders die absolute Mehrheit und kann künftig ohne einen Koalitionspartner regieren. Aufgrund der hohen Verschuldung des Landes setzt er in Folge ein striktes Sparprogramm durch, das allerdings wegen eines Personalabbaus in Schulen und bei der Polizei sehr umstritten war. 1998 folgt Gerhard Schröder Helmut Kohl ins Kanzleramt.

Schwere Jahre als Bundeskanzler

Ganze sieben Jahre lang steht Gerhard Schröder als Bundeskanzler an der Spitze einer rot-grünen Koalition. Der Auftakt ist alles andere als vielversprechend: Zahlreiche Minister reichen ihren Rücktritt ein – Oskar Lafontaine macht als Finanzminister den Anfang. Im Bundesrat geht die rot-grüne Mehrheit verloren, dazu musste ausgerechnet Rot/Grün auch noch den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr im damaligen Jugoslawien befehlen. Nach den Terroranschlägen vom 11. September bescheinigt Gerhard Schröder den USA die „uneingeschränkte Solidarität“ der Bundesrepublik und setzt gegen großen Widerstand in der Koalition den Bundeswehreinsatz in Afghanistan durch. Auch den Ausstieg aus der Kernenergie leitet er trotz Gegenstimmen der Opposition in die die Wege.

2002 ist für den Kanzler ein anstrengendes Jahr. Die anstehende Bundestagswahl scheint so gut wie verloren, als Schröder sich – ganz im Sinne der Bevölkerungsmehrheit – gegen den Irak-Krieg ausspricht und dafür auch ein Zerwürfnis mit dem damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush in Kauf nimmt. Das Elbe-Hochwasser im gleichen Jahr nutzt er ebenfalls zu seinen Gunsten: Während Schröder in Gummistiefeln auf Sandsäcken steht, zieht sein Kontrahent Edmund Stoiber es vor, seinen Urlaub fortzusetzen und verliert letztendlich die Wahl.

Danach ist alles anders: Im Frühjahr 2003 gibt der neue, alte Kanzler eine Regierungserklärung ab, in der er Reformen ankündigt. „Fördern durch Fordern“ – so die Devise, „Agenda 2010“ der Name des ehrgeizigen Projekts. Mit dem Konzept sollen das deutsche Sozialsystem und der Arbeitsmarkt modernisiert werden – dabei werden insbesondere arbeitgeberfreundliche und angebotspolitische Ideen umgesetzt. Die SPD knirscht mit den Zähnen, nimmt die Maßnahmen aber hin. Das Verhältnis zu den Gewerkschaften zerbricht. Obwohl die Sozialausgaben des Staates dennoch ansteigen, spricht man in der Partei von Sozialabbau. Nicht zuletzt die „Agenda 2010“ und der Anstieg der Arbeitslosenzahl auf mehr als fünf Millionen treibt viele ehemalige SPD-Anhänger jetzt in die Arme der Linkspartei.

Das Ende einer Politikerkarriere

2004 gibt Gerhard Schröder den Parteivorsitz an Franz Müntefering ab. Nachdem die rot-grüne Koalition die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verliert, entscheiden sich Schröder und Müntefering gegen den Willen der meisten Parteifreunde dafür, die Bundestagswahl vorzuziehen. Der Regierungswechsel wird vollzogen – und Angela Merkel zur neuen Bundeskanzlerin gewählt. Gerhard Schröder verdingt sich von nun an wieder als Anwalt sowie als Vorsitzender des Aufsichtsrates des vom russischen Unternehmen Gazprom dominierten Pipeline-Projekts „North-Stream“.

Bild: copyright LHH, Fotograf Burkert, 70 Geburtstag Empfang

vorheriger Beitrag

Werner Michael Bahlsen – Der selbstkritische König der Kekse

nächster Beitrag

Aloys Wobben – Der öffentlichkeitsscheue Pionier der Windenergie